• Doppelpunkt 18/2018

1_SHausladen_Alltag

Wenn die Liebe am Leben scheitert

Wird die Last des Alltags zum Problem oder gar zum Beziehungskiller, ist Fingerspitzengefühl von den Betroffenen gefragt. Aber es besteht kein Grund zu verzweifeln oder resignieren: Schon kleine Änderungen eingefahrener Verhaltensweisen können Abhilfe schaffen und Paare und Familien wieder auf einen richtigen, glücklicheren Weg bringen!

Als Anna mit ihrem siebenjährigen Sohn Daniel von einer Reise zu ihren Eltern, die in Italien lebten, nach Hause kam, sass Gregor auf gepackten Koffern in der Diele ihres Hauses. Er hatte auf seine Familie gewartet. Gregor blickte seiner Frau in die Augen und sagte: „Ich verlasse dich. Ich kann und will so einfach nicht mehr weitermachen.“ Anna verstand im ersten Augenblick nicht was Gregor ihr sagen wollte, was eigentlich los war. Sie hatten während ihrer zweiwöchigen Reise regelmäßig telefoniert und sie hatte sich auf ihn gefreut. Daniel stand neben seinen Eltern und fing an zu weinen.

Entfremdung durch Überlastung

Die letzten Wochen und Monate waren für alle Familienmitglieder nicht einfach. Daniel tat sich in der Schule schwer, konnte den Lernstoff nur langsam bewältigen und benötigte mehr Hilfe und Aufmerksamkeit als sonst. Anna arbeitete zwei Tage in der Woche am Empfang einer Arztpraxis und hatte neben ihrem Sohn, dem Haushalt und der Betreuung ihrer Großmutter, die ein paar Häuser weiter wohnte, mehr als genug zu tun. Ihre Tage waren sehr lang und forderten ihr alles ab. Wenn Gregor abends aus dem Büro nach Hause kam, konnte sie ihn nicht jedes Mal mit einem frisch gekochten Abendessen und einem schön gedeckten Tisch empfangen! Die Hausaufgaben von Daniel mussten dann meistens noch kontrolliert und besprochen werden, die Wäsche war noch nicht im Trockner und die Taschen vom Supermarkt noch nicht ausgepackt. Häufig hatte sie dann auch schlichtweg keine Lust mehr sich die Geschichten über Gregors Tag und immer wieder die gleichen Probleme im Büro anzuhören. Sie konnte ja schließlich nichts dafür, dass er mit seinem neuen Chef nicht klarkam, dachte sie.
Gregor stand im Job unter enormem Druck, der ihm auch körperlich zusetzte. Er konnte nicht mehr schlafen und wälzte sich oft die ganze Nacht von einer Seite auf die andere. Morgens war er dann müde und nervös, kaute an seinen Nägeln und er hatte abgenommen. Ausserdem kam er sich zuhause wie ein Besucher in den eigenen vier Wänden vor. Er fühlte sich von Anna nur noch „abgefertigt“ zwischen Haushalt, der Großmutter, Besorgungen, Job und – Daniel. Gregor hatte angefangen sich immer mehr zu verschließen. Zuerst Anna gegenüber dann auch seinem Sohn gegenüber. Er fand einfach keinen Zugang zu dem Siebenjährigen, dessen Welt ihm so fremd schien. Wenn er ganz ehrlich war musste er sich eingestehen, dass er sich das Leben mit einem Kind anders vorgestellt hatte. Dass man als Eltern ein Stück weit sich selbst aufgeben musste, hatte er so nicht geahnt. Die Verantwortung erdrückte ihn. Irgendwann wollte er einfach nur noch weg. Er wollte frei sein, frei atmen können! – Wie hatte es nur so weit kommen können?

Oasen schaffen im Alltag

Genau so schwierig wie Eltern zu sein, ist es sich als Paar über den täglichen Trott hinweg nicht zu vergessen. Ist das Chaos und die Belastung im Alltag auch noch so groß, gab es doch einmal einen Grund, wieso man zusammengefunden hatte.

Familie und Beruf fordern viel. Zu Zeiten mehr, als manche Menschen in der Lage sind zu geben. Und dennoch – oder gerade deshalb – ist es umso wichtiger sich als Paar und auch ganz bewusst für sich selbst, kleine Oasen zu schaffen. Oasen, die es einem ermöglichen ganz bei sich zu sein. Zu atmen. Zu ruhen. So unmöglich es auch manchmal scheint, ist das mit ein klein wenig Aufwand oder zeitlicher Umorganisation gar nicht so schwierig. Warum nicht erst die Kinder zu Bett bringen und dann ein Abendessen zu zweit genießen? Warum nicht mal den Fernseher auslassen und über einer Tasse Tee den Tag oder die Woche besprechen? Warum nicht einfach mal aus eingefahrenen Zwängen ausbrechen und etwas anders machen? Vielleicht anstelle des obligatorischen Wochenendbesuchs bei den Eltern ein Nachmittag mit den Kindern im Park? Nicht die wöchentliche Autowäsche, das Rasenmähen, der Hausputz, sondern ein Stadtbummel oder Kinobesuch? Eigentlich könnte es so einfach sein! Und doch ist es für viele Menschen sehr schwierig aus eingefahrenen Mustern und Verhaltensweisen auszubrechen und vermeintliche Pflichten hinter sich zu lassen. Sind es nicht gerade auch diese Muster und Gewohnheiten, die unserer Gesellschaft Sicherheit und Verlässlichkeit geben? Aber ein Versuch ist es trotzdem ab und an auf jeden Fall wert.

Sich selbst wertschätzen

Heute, fast ein Jahr später, hat Anna ihre Fehler eingesehen, ihre Grenzen erkannt. Sie versteht Gregor nun etwas besser. Nachvollziehen kann sie seine drastische Vorgehensweise aber nicht. Sie findet, er hätte mehr um sie und seinen Sohn kämpfen und sich deutlicher bemerkbar machen müssen. Ja, sie hatte sich vielleicht zu sehr auf Daniel konzentriert, aber sie fühlte sich deswegen nicht schuldig.
Gregor lebt alleine und orientiert sich beruflich neu.  Er nähert sich Daniel wieder mehr an und nimmt seinen Sohn regelmäßig zu sich. Er findet sogar langsam immer mehr Gefallen daran, ihn bei sich zu haben.
Daniel hat sich mit der neuen Familiensituation arrangiert. Ihn hatte keiner gefragt und er hatte ohnehin keine Wahl gehabt.
Nach der vollzogenen Scheidung und einer begleitenden Therapie, die sowohl Gregor als auch Anna unabhängig voneinander angegangen sind, wird klar, dass der Alltag ihnen mehr genommen hat als nur ihre kleine Familie. Bei Anna und Gregor ist die Liebe auf der Strecke geblieben. Die Liebe füreinander und auch für jeden der Beiden ein Stück weit die Liebe zu sich selbst. Und genau daran arbeiten sie jetzt. An der Wertschätzung für sich selbst. Sie tun es vor allem für Daniel.

In Europa wird immer noch jede dritte Ehe geschieden. Tendenz steigend. Viele der zerstörten Familien und gebrochenen Herzen könnten vielleicht vermieden werden. Man müsste nur ab und an etwas zusätzliche Kraftanstrengung aufbringen und dem Alltag ein Schnäppchen schlagen. Kleine Maßnahmen können oft eine große Wirkung haben oder eine Welle neuer positiver Energie auslösen. Wie alles andere im Leben fordert auch die Liebe einen Preis. Sie will gepflegt sein.

 

 

 

  • Doppelpunkt 23/2018

2_SHausladen_Ballast

Räumen Sie doch mal ihr Leben auf!

„Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling… Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben“, schrieb einst der Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen. Was bedeutet das in unserer modernen Zeit, in der sich so häufig alles nur um Konsum dreht und in der wir in Dauerschleife mit perfekten Schnappschüssen aus scheinbar so perfekten Leben konfrontiert werden. Was oder wen „müssen“ wir wirklich in unserem Leben haben, um glücklich zu sein und was an Besitz, eingefahrenen Ritualen, ungeliebten Verpflichtungen und unangenehmen Bekanntschaften belasten uns eigentlich nur?

Susanne war geschockt, als die Kündigung ihres Vermieters ins Haus geflattert kam. Sie und ihr Mann wohnten seit acht Jahren in dieser Wohnung. Ihre beiden Kinder kannten kein anderes zuhause. Im ersten Moment fühlte sich Susanne völlig überfordert und vor den Kopf gestoßen! Eine neue Wohnung würde veränderte Lebensumstände bedeuten und wo sollten sie überhaupt jemals etwas Passendes finden? Der Wohnungsmarkt war ja bekanntermaßen nicht gerade einfach. Die Kinder hatten ihre Freunde in der Nachbarschaft und die Wege zur Arbeit, zum Supermarkt, Kinderarzt, ihrem Lieblingsitaliener – einfach den Belangen des Alltags – waren lange erprobt. Susanne war verzweifelt. „Mach Dir keine Gedanken, wir finden etwas und vielleicht ist es ja auch mal ganz gut unserer Leben neu zu organisieren und zu entrümpeln?“, meinte ihr Mann Peter. Susanne dachte damals nur: „Männer! Was soll bei uns bitteschön umorganisiert und entrümpelt werden?“

Ausräumen und entrümpeln heisst Ballast loswerden

Dass aufräumen, ausmisten und entrümpeln bedeutet Ballast loszuwerden und herrlich befreiend sein kann, ist sogar therapeutisch bewiesen. Und seit es vor ein paar Jahren modern geworden ist für alle möglichen Bereiche des Lebens einen „Coach“ zu haben und sich die Menschen häufig nicht mehr scheuen, sich helfen zu lassen, ist sogar die Berufsgruppe „Ordnungs- und Optimierungscoach“ entstanden! Entsorgt man Dinge, die man nicht mehr braucht, schafft man Platz und Übersicht. Diese Ordnung überträgt sich durch das Unterbewusstsein dann schließlich auf das komplette Leben und somit auf das allgemeine Wohlbefinden. Ganz nach dem Motto: Gegenwirkung „Innen“ und „Aussen“.

Von diesem Phänomen profitierte mittlerweile auch Susanne. Sie fühlte sich besser denn je. Nachdem sie sich mit dem Gedanken eines Umzugs arrangiert hatte, kam wie von selbst eines zum anderen. Überraschend schnell hatte die Familie eine neue Wohnung im selben Quartier gefunden; sogar Erdgeschoß mit eigenem Gartenanteil. Die Kinder hatten sofort angefangen von einem Hund zu träumen mit dem sie im Rasen tollen konnten. Der Umzugstermin stand fest und Susanne hatte einen Plan gemacht und begonnen auszuräumen, was nicht mit in die neue Wohnung sollte. Jede Woche stellte sie ein anderes Zimmer komplett auf den Kopf. Dafür hatte sie sich vorher Kisten und Müllsäcke besorgt. Dinge, die noch gut waren, aber für sie keinen Wert mehr hatten oder ihr nicht mehr gefielen, versuchte sie direkt über das Internet zu verkaufen. Plattformen dafür gab es schließlich mehr als genug! So kam mit der Zeit sogar Geld für ein neues Sofa zusammen. Um die Zimmer der Kinder kümmerte sich die Familie gemeinsam. Sie hatten sogar richtig Spaß daran in alten Erinnerungen zu schwelgen und waren mehr als einmal erstaunt darüber, was sich in den Regalen ganz hinten im Laufe der Jahre alles versteckt gehalten hatte. Mussten wirklich alle Zeichnungen aus dem Kindergarten aufgehoben werden? Musste die Puppe, der ihre Tochter einmal die Haare rasiert hatte, noch im Schrank sitzen? Oder der riesige Plastikbagger ihres Sohnes? Damit spielte kein siebenjähriger Junge mehr. Auch Susannes Mann hatte sich anstecken lassen und war eifrig bei der Sache. Erstaunlicherweise fiel es ihm dann allerdings doch etwas schwerer als seiner Frau sich von alten Dingen zu trennen. Das T-Shirt seines ersten Konzerts behielt er auch nach langem hin und her im Schrank. Ganz oben, bei der Skiunterwäsche. Mit jedem Karton, den Susanne entsorgte, spendete oder an interessierte Freunde verschenkte, fühlte sie sich irgendwie leichter und besser. Sie hatte alles im Griff und die Vorfreude auf die neue Wohnung und den damit verbundenen Neuanfang stieg von Woche zu Woche.

Kann man auch Menschen „aussortieren“?

Susanne war so eifrig bei der Sache und hatte mit dem Umzug so viel zu tun, dass sie zweimal ihre wöchentliche Kaffeeklatschrunde am Mittwochmorgen verpasste. In der ersten Woche hatte sie sie sogar komplett vergessen. Als eine der Frauen  nachfragte, wo sie denn gewesen sei, war ihr die Verabredung erst wieder eingefallen. Sie traf sich seit Jahren mit ihren Ex-Arbeitskolleginnen aus dem Büro, in dem sie vor ihren Schwangerschaften gearbeitet hatte. Die meisten der Frauen waren immer noch in der Firma und Susanne interessierte der neueste Büroklatsch eigentlich nicht mehr. Ausserdem hatten die Frauen keine Kinder, was per se nicht schlimm war, aber wenn Susanne sich schon die Zeit nahm sich mit jemandem zu treffen, wollte sie auch Themen besprechen, die sie in ihrem Leben beschäftigten. Und dazu gehörten nun auch mal Kinder. Den Kaffeeklatsch zu versäumen hatte sie gar nicht gestört. Sie hatte nichts vermisst, was sie zum Nachdenken brachte. Wollte sie sich immer noch an dieser Runde beteiligen? Für sie war die Antwort schnell klar: Nein, wollte sie nicht. War sie ehrlich, musste sie zugeben, dass sie diese Treffen schon länger eher als zeitraubend empfand. In einem Gespräch, das sie mit den Frauen suchte, erklärte Susanne schließlich ihre Situation und ihr Empfinden. Die hatten Verständnis, auch wenn sie etwas befremdlich reagierten. Irgendwie wurden sie ja „aussortiert“. In diesem Zusammenhang fragte sich Susanne noch, ob sie wirklich mit der Frau des besten Freundes ihres Mannes befreundet sein musste, auch wenn sie so gar nichts gemeinsam hatten? Gab ihr das Treffen mit der Mutter der Spielkameradin ihrer Tochter wirklich etwas oder würde es auch genügen die Mädchen zusammenzubringen? Wenn sie nun darüber nachdachte, merkte sie, dass sie seit Jahren einfach so im gleichen Fahrwasser dahingeschwommen war. Susanne wollte wieder bewusster mit ihrer Zeit und den Dingen in ihrem Leben umgehen. Sie wollte die ausgesuchten Menschen, die sie traf – denen sie ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenkte – wertschätzen in dem sie sich ganz auf sie einließ und sie nicht als lästige Termine empfand.

Von allem viel zu viel

In Ländern wie zum Beispiel der Schweiz, Deutschland, Österreich oder Frankreich besitzen die Menschen viel zu viel. Jährlich fallen in der Schweiz zum Beispiel 730 Kilogramm Kehricht pro Kopf an. Ganze 15 Prozent des Schweizer Abfalls sind Dinge und auch Lebensmittel, die andere noch gut hätten gebrauchen können! Susanne jedenfalls wollte von nun an mit gutem Beispiel für ihre Kinder vorangehen. Essen wurde häufiger aufgewärmt, Klamotten wurden bewusster gekauft und länger getragen und Alltagsgegenstände prüfte die Familie von nun an sehr gewissenhaft auf ihre wirkliche Notwenigkeit. Schließlich sollte die neue Wohnung nicht wieder so vollgestellt sein wie die alte. Und für einen Hund war so auch viel mehr Platz.

Was der Einzelne aber wirklich braucht, um glücklich zu sein und sich wohl zu fühlen, kann nur jeder für sich entscheiden. Wenn Sie es für sich selbst nicht wissen, denken Sie doch mal darüber nach. … oder fragen Sie den Schmetterling.

 

  • Doppelpunkt 26/2018

3_SHausladen_Ferien

Die schönste Zeit des Jahres –
So kommen Sie friedlich durch die Ferien

Sommer, Sonne – Stress: Harmonie in den Ferien ist für Paare und Familien nicht selbstverständlich. Jede dritte Scheidung wird prompt nach dem Urlaub eingereicht. Der große Erwartungsdruck und die gewünschte Liebe und Glücksseligkeit auf Knopfdruck zerrten schon an so mancher Beziehung oder stellen sie zumindest gehörig auf die Probe. Aber was führt eigentlich zu den nervenaufreibenden Problemen in der „schönsten Zeit des Jahres“ und welche einfachen Vorbereitungen können gutes Gelingen und die verdiente Erholung unterstützen?

Der Zug nach Südtirol ging am frühen Abend um 19 Uhr. Jetzt war es 17 Uhr und Markus sass immer noch an seinem Schreibtisch im Büro. Irgendwie nahmen die Mails im Posteingang kein Ende. Um einigermaßen entspannt die Ferien mit seiner Frau Eva antreten zu können, wollte er so viel wie möglich abgearbeitet haben. Der letzte gemeinsame Sommerurlaub war nicht gerade harmonisch verlaufen und hatte das Paar sogar beinahe ihre Ehe gekostet. Dieses Mal sollte alles besser werden und Markus wollte den Kopf dafür frei haben. Er freute sich auf die kommenden Tage, die schönste Zeit des Jahres.

„Urlaub bringt das Schlechteste im Menschen zum Vorschein“, meint der britische Psychologe Tremor Ellis. „Sie verwandelt das Hotelzimmer in zwei Minuten in einen Schlachtplatz, er bekommt beim ersten Wölkchen am Himmel schlechte Laune?“ – Dies konnte Markus voll und ganz bestätigen. Sowohl er selbst, als auch Eva hatten sich im vergangenen Jahresurlaub, in den sie so viele Erwartungen gesetzt hatten, nicht gerade von ihrer besten Seite gezeigt. Kleinigkeiten wie die Temperatur der Klimaanlage im Hotelzimmer, die Wahl der Ausflugsziele oder der Zeitpunkt für das Frühstück endeten fast immer im Streit. Ausgerechnet beim Dinner am Strand, das eigentlich der romantische Höhepunkt der Woche hätte sein sollen, hatte es dann zwischen den Jungverheirateten so richtig geknallt. Was der eigentliche Auslöser war? Daran erinnerte sich Markus beim besten Willen nicht mehr. Die restlichen Urlaubstage wechselte das Paar kein Wort mehr miteinander und jeder ging seines Weges. Frustriert, allein und alles andere als entspannt. Zurück in den eigenen vier Wänden, in der gewohnten Routine, hatten sie sich leichter getan wieder zueinander zu finden und die Enttäuschung über die angespannten vergangenen Tage dann schließlich hinter sich zu lassen.

Markus und Eva waren sicher kein Einzelfall. Schwierigkeiten in den Ferien gibt es fast immer. Die meisten Paare können nicht damit umgehen, dass sie im Urlaub so viel zusammen sind. Schliesslich verbringt man zehnmal so viel Zeit wie sonst miteinander. Das ist Chance und Herausforderung zugleich. Im Alltag gibt es vielfältige Strategien, wie man sich aus dem Weg gehen kann. Paare, die sich sonst nur abends und am Wochenende sehen, hocken plötzlich rund um die Uhr aufeinander. Dann kann alles zum Problem werden. Man möchte in den Ferien nachholen, was man im Alltag versäumt hat. Aber das funktioniert nicht auf Bestellung. Hinzu kommen die fremde Umgebung, ungewohntes Klima, exotisches Essen, Sprachbarrieren. Die Gegend sieht nur selten so schön aus wie im Reiseführer, das Wetter kann schlecht sein, der Strand überfüllt und schmutzig und das Hotelzimmer hellhörig. Neben dem hohen Anspruch, den man an seine lang ersehnten Ferien stellt, kommen teilweise überzogene Erwartungen an den Partner hinzu. Die Zweisamkeit im Urlaub, hoffen einige, wird viele zwischenmenschliche Probleme von selber lösen. Weit gefehlt, denn plötzlichen stören Verhaltensweisen des anderen, die zuhause kein Problem sind oder schlichtweg übersehen werden. Aber alles soll eben in den schönsten Tagen des Jahres perfekt funktionieren, auch – oder vor allem – die Beziehung.

Weder Spaß noch Harmonie, noch gutes Wetter sind selbstverständlich. Doch zum Glück ist es gar nicht so schwer einen entspannten, erholsamen und harmonischen Urlaub zu verleben. Wie so häufig hängt erstens viel von der inneren Einstellung ab und zweitens beginnt das „Projekt gelungene Ferien“ schon in der Vorbereitung, nicht erst am Flughafen, am Bahnhof oder im Auto. Jeder der Partner sollte bereits in der Findung des Reiseziels bereit dazu sein, Kompromisse einzugehen. Eva liebt den Strand, Markus wollte mal wieder in die Alpen. Deshalb ging es dieses Jahr an einen See mit mittelhohen Bergen. So kam jeder seiner Wunschvorstellung Nahe. Begünstigt wird der Urlaubseinstieg auch durch eine bereits entspannte Zeit vorher. Auf keinen Fall sollte man – falls möglich – bis zur letzten Minute arbeiten und noch unter Stress und dem Mobiltelefon am Ohr versuchen auf Erholung umzuschalten. Sowohl der Geist, als auch der Körper brauchen Zeit sich fallen zu lassen. Entschleunigung benötigt einen Bremsweg, sonst kommt es zum Überschlag. Und dann einmal am Ferienparadies angekommen: Tempo noch einmal drosseln! Niemand ist in Eile. Eine halbe Stunde hin oder her spielt in den nächsten Tagen keine Rolle. Außerdem: Warum nicht mal in den freien Tagen seine eigene Großzügigkeit schulen? Ist der Kellner wirklich so langsam? Stören die Kinder am Nachbartisch tatsächlich? Sich was gönnen, sich nicht aufregen, treiben lassen… das ist Urlaub. Gibt man dem Partner Freiraum hat man Zeit für sich selbst und außerdem später wieder etwas zu erzählen. Niemand braucht es, 24 Stunden am Tag aneinanderzukleben. Viele Konflikte im Urlaub können noch dazu im vornhinein vermieden werden, wenn man das Budget für die  Urlaubskasse festlegt. Wie viel kann man sich leisten, was möchte man ausgeben? Offene Kommunikation wirkt auch hier Wunder. Kommt es dann trotz guter Vorbereitung und allen Tipps zu emotionalen Spannungen oder Verstimmungen, ist es wichtig das Problem sofort anzusprechen und nicht erst tagelang in sich wachsen zu lassen, bis es an anderer Stelle unpassend intensiv zum Ausbruch kommt.

Markus erinnerte sich plötzlich an alles, was er mit Eva bezüglich ihrer gemeinsamen Ferien in den letzten Wochen vereinbart und besprochen hatte. Er klappte den Laptop zu und nahm seinen Koffer, den er heute Morgen schon mit ins Büro gebracht hatte. Jetzt begann sein Urlaub und die Dringlichkeiten und Aufgaben in der Firma würden in zwei Wochen noch genau die gleichen sein. Im Zug würde er nun erst einmal seine Frau ins Boardrestaurant einladen und mit ihr in aller Ruhe anstoßen – auf die schönste Zeit des Jahres!

 

  • Doppelpunkt 32/2018

Glückliche Kinder und erfüllte Karriere –
ein modernes Frauenmärchen?

Die meisten Mütter stehen permanent unter Stress, fühlen sich fremdbestimmt. Auch wenn  Väter sich in die Kindererziehung und den Haushalt einbringen und dies meist liebevoll tun, bleibt es ein Mythos, dass in der Familie die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau funktioniert. Ist es überhaupt möglich die Mutterrolle den Kindern gerecht auszufüllen und zugleich glücklich und erfolgreich im Job zu sein? Was verlangt einem dieses Leben auf der Überholspur ab und lohnt sich eigentlich der damit verbundene Stress?

Eine Mutter ist und bleibt eine Mutter – Doktortitel, Führungsposition oder Teamverantwortlichkeit hin oder her! Die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit für Frauen ist – obwohl Dauerthema in der Politik – in den letzten Jahren nicht einfacher geworden. Das erfuhr Daniela heute wieder am eigenen Leib. Ihr war zum Heulen zu Mute. Völlig erschöpft sass sie an ihrem Schreibtisch und dabei war es erst 9 Uhr morgens. Die ganze Nacht über hatte ihr dreijähriger Sohn Paul immer wieder geweint und sie musste ihn mehrmals aus seinem Bettchen nehmen, um ihn zu beruhigen. Gerade jetzt wo sie selbst so dringend Schlaf benötigte! Sie war im vierten Monat schwanger, das zweite Wunschkind war unterwegs.

Als promovierte Psychologin mit Führungsposition in einem Münchner Konzern war Daniela tagtäglich aufs Neue gefordert. Sie leitete mit ihrem Team die Personalentwicklung und war zuständig für Fortbildungen und Schulungsprogramme für die Mitarbeiter im gesamten Unternehmen. Schon mit nur einem Kind war diese Aufgabe ein Balanceakt. Wie das in ein paar Monaten mit zwei Kindern funktionieren sollte, war ihr ein Rätsel. Daniela war ihre Karriere wichtig. Sie hatte zu viel dafür getan, um nach dem langen Studium dahin zu kommen, wo sie heute war und sie wollte nun ihre gute Position nur ungern aufgeben. Dass ihr Mann Thomas beruflich kürzer treten würde, schloss sie mittlerweile aus. Die Hoffnung hatte sie nach Pauls Geburt noch gehabt, aber der Zeitpunkt für Elternzeit war für ihn damals nicht der richtige gewesen. Ausserdem existierte das Modell der Väter, die zum Wohle der Familie weniger Stunden arbeiteten, in der Kanzlei, in der er als Steuerberater tätig war, quasi nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man die Chance wahren wollte, eines Tages Partner zu werden und somit praktisch finanziell unabhängig. Obwohl sie besser ausgebildet war als ihr Mann Thomas, beide ihren Beruf liebten und diese zweite Schwangerschaft gewünscht war, lag es allein an ihr eine Lösung für die riesige Herausforderung „Kinder und Karriere“ zu finden – und zwar möglichst bald; nicht erst nach der Geburt und dem gesetzlichen Mutterschutz. Wenn sie nur die Zeit und die Energie hätte, sich einmal in Ruhe Gedanken über ihre Situation und ihre weitere Lebensplanung zu machen! Der Alltag, den sie zu meistern hatte, war jetzt schon erdrückend: Multitasking, Müdigkeit, Fremdbestimmung, Selbstaufgabe, finanzielle Abwägung – das waren die Schlüsselwörter, die ihr Leben bestimmten.

Multitasking
Frauen sind bekanntlich gut darin, viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Frühstück machen, Kind anziehen, Snackbox für die Krippe packen, Einkaufsliste schreiben, Haare föhnen, Bluse bügeln, Schnuller suchen – das alles noch vor 7.30 Uhr morgens; kein Problem für Daniela. Doch diese Fähigkeit, die man automatisch erlernt, wenn man Mutter oder Vater wird, hat ihre Tücken. Neurologen bestätigen, dass unser Gehirn dafür gar nicht geschaffen ist und durch die Konzentration auf die verschiedenen Aufgaben erst recht Stress und Anspannung aufgebaut wird. Auf Dauer ist Multitasking auf jeden Fall ungesund!

Müdigkeit
Müde und erschöpft in Vollzeit – die Crux fast jeder Mutter. Seit ihr Sohn drei geworden war, hatte Daniela wieder etwas zuverlässiger durchschlafen können. Jetzt begann langsam die typische Schlaflosigkeit in der Schwangerschaft. Wenn das Baby dann erst mal da war, musste anfangs wieder im Zweistundentakt gestillt werden. Tag und Nacht. Und was sie tun sollte, wenn Paul zusammen mit dem Baby nachts aufwachen würde, wusste sie noch nicht. Das würde wohl auch für ihren Mann schlaflose Nächte bedeuten. Wenn das Kleine dann nach ein paar Monaten Nachts nicht mehr gefüttert werden musste, kamen die bösen Träume, die Wachstumsschmerzen, Erlebnisse und Ängste, die verarbeitet werden mussten. Nicht zu vergessen die diversen Kinderkrankheiten, die es zu überstehen galt. Und der persönliche Stress, der einen schlaflos macht. Aber diesen schlaflosen Momenten allergrößter Erschöpfung und Einsamkeit können Väter und Mütter nicht entgehen, leider.

Fremdbestimmung
Die Flexibilität eines Erwachsenenlebens endet mit der Geburt des ersten Kindes. Das hatten Daniela und Thomas bereits erfahren. Die Umstellung, die ein Paar nach der Geburt des ersten Kindes durchlebt, ist riesengroß. Plötzlich stehen nicht mehr die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund. Ja, ganz im Gegenteil: Sie spielen keine Rolle mehr. Ausserdem gibt es keine spontanen Städtetrips mehr, kein Essen im angesagten Restaurant, keine faulen Samstage. Stattdessen: Ferien im Kinderhotel, Mahlzeiten in der Pizzeria, Haushalt abends nach dem Büro, wenn das Kind im Bett war. Jeden  Sonntagabend glichen Daniela und Thomas ihre Terminkalender ab und verteilten die Aufgaben für die Woche. Kompliziert wurde es bei Kinderarztterminen oder geschäftlichen Reisen. Letztes Mal hatte sich Daniela in der Firma krankgemeldet, um mit Paul zur Vorsorgeuntersuchung und Impfung gehen zu können. Noch einmal würde sie sich das nicht trauen.

Selbstaufgabe
Kinder zwingen einem nicht nur ihren Rhythmus auf, sie bringen eine Identitätswandlung mit sich. Die Geburt eines Kindes bedeutet, dass sich sowohl Männer als auch Frauen in einer neuen Rolle erleben und diese Rolle ein neuer Teil der Identität wird. Frauen machen diese Erfahrung früher, und sie ist durch die Schwangerschaft vielleicht ausgeprägter. Mütter sind zwar die gleichen Personen wir vorher, dennoch fällt es gerade ihnen schwer, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten und sich einzugestehen, dass es zu viel wird. Wenn wir den ganzen Tag damit beschäftigt sind es dem Chef, den Kollegen und den Kindern recht zu machen, muss man zwangsläufig sich selbst vernachlässigen. Es ist einfach keine Zeit übrig. Auf Dauer macht das aber unzufrieden und ein Teufelskreis stellt sich ein.

Finanzielle Belastung
Neben den oben genannten Punkten, die es als Eltern zu meistern gilt, kommt erschwerend hinzu, dass sich der ganze Stress häufig nicht einmal finanziell auszahlt. Die Familien, in denen beide Elternteile arbeiten und die ihre Kinder ohne die kostenlose Unterstützung von willigen Großeltern fremdbetreuen müssen, sind finanziell nur selten besser gestellt, als Familien, in denen ein Elternteil die ersten Jahre ganz zuhause ist oder nur wenige Stunden arbeitet. Bei zwei Kindern war das auch bei Daniela und Thomas ein Thema. Sogar sie beide als „Besserverdiener“ mussten hier genau rechnen, wenn der sonstige Lebensstandard aufrechterhalten bleiben sollte. In der Schweiz kostet ein Vollzeitkrippenplatz schnell so viel wie ein durchschnittliches Monatsgehalt. In Deutschland sind die Kosten für die Kinderbetreuung ausser Haus zwar deutlich niedriger und das Einstiegsalter für den gesetzlichen Kindergarten liegt bei drei Jahren, nicht vier, wie in der Schweiz, dafür mangelt es dort aber an genügend vorhandenen Plätzen. Plant eine Mutter nach der Elternzeit wieder in den Beruf einzusteigen muss das Kind häufig schon vor der Geburt in einer der Einrichtungen verbindlich angemeldet sein!

Kürzlich meinte der ehemalige englische Fußballheld David Beckham, der Vater von vier Kindern ist, in einem Interview: „Wenn du Vater wirst sagt dir niemand vorher, dass du dich von nun an dein ganzes Leben lang Sorgen wirst und immer „im Dienst“ bist. Jeden Tag. Ich stehe nach zwanzig Jahren immer noch nachts auf und gehe in die Zimmer meiner Kinder, um zu sehen, ob es ihnen gut geht. Eltern sein ist die größte Aufgabe, die man sich vorstellen kann, aber auch die schönste.“ Genau so empfand Daniela auch. Sie war nur einfach nicht bereit dazu alles, was sie beruflich erreicht hatte, aufzugeben. Sie mochte sich selbst als Daniela, die Karrierefrau mit Verantwortung und einem gefüllten Terminkalender. Sie fühlte sich wohl als arbeitende Frau und einem E-Mailfach, das häufig überquoll. Aber auch ihr zweites Kind, das sie erwartete, war ein Wunschkind – genau wie Paul. War es vielleicht doch an der Zeit ihr Leben zu überdenken und zum Wohle der Kinder und ihrer Gesundheit eine andere Richtung einzuschlagen? Konnte man als Frau vielleicht doch nicht alles haben? Wieder einmal vertagte Daniela die Entscheidung über die Zukunft ihrer Familie. Sie setzte auf die Zeit, dir ihr die Lösung hoffentlich bringen würde.